Über Sexten, im Hochpustertal, tragen fünf Gipfel den Namen einer Stunde. Die Sonne zieht einer nach dem anderen über sie hinweg, vom Vormittag bis in den frühen Nachmittag, und der Gipfel, über dem sie steht, sagt, wie spät es ist.
Wie genau er es sagt, schreibt allerdings niemand. Die Quellen sind sich nicht einmal einig, wo man stehen soll.
Also haben wir es berechnet: Sonnenstand, Koordinaten der Gipfel, Form des Geländes. Das Ergebnis ist spannender als die Legende.
Fünf Gipfel, fünf Stunden
Die ursprünglichen Namen sind deutsch, denn Sexten ist ein deutschsprachiges Dorf: Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer, Einser. Fast jeder Gipfel hat auch einen italienischen Namen, und es lohnt sich, beide zu kennen, weil die Karten mal den einen, mal den anderen verwenden.
Manche Quellen zählen noch einen Achter dazu, den Arzalpenkopf, doch die deutsche Wikipedia merkt an, dass er zu nah am Neuner steht, um wirklich zu zählen.
- Neuner: Neunerkofel, italienisch Pala di Popera, 2.582 m
- Zehner: Sextner Rotwand, italienisch Croda Rossa di Sesto, 2.965 m
- Elfer: Elferkofel, italienisch Cima Undici, 3.092 m
- Zwölfer: Zwölferkofel, italienisch Croda dei Toni, 3.094 m
- Einser: Einserkofel, italienisch Cima Una, 2.698 m
Vorsicht beim Neuner
Der Neuner ist der Gipfel, den man am leichtesten verwechselt. Es ist der Neunerkofel östlich der Rotwand: So steht es in der deutschen Wikipedia, bei den Bergführern, die die Überschreitung anbieten, und in den Gipfeldatenbanken.
Die italienische Wikipedia verbindet ihn dagegen mit dem Monte Popera, einem anderen Berg, und ein weiterer Artikel nennt als Neuner einen Neunerkofel über Toblach. Der liegt, von Sexten aus gesehen, fast genau im Westen. Um neun Uhr morgens steht die Sonne im Südosten und kann nicht über ihm stehen.
Das ist keine Spitzfindigkeit. Die Dolomiten sind voller Gipfel mit dem Namen einer Stunde, und man verwechselt sie leicht. In der Fanesgruppe gibt es einen Neuner, der zu einer anderen Sonnenuhr gehört, und in der Sellagruppe einen zweiten Neuner, rund fünfzehn Kilometer entfernt. Beim Bau unserer Dolomitenkarte hätte der zweite die Beschriftung der Fanesgruppe beinahe um fünfzehn Kilometer verschoben.
Von wo man schaut: Die Quellen sind sich uneinig
Die meisten Quellen nennen Moos, am Eingang des Fischleintals. Andere sagen Bad Moos, andere das Fischleintal selbst. Der Tourismusverein Sexten empfiehlt die Hauptstraße zwischen dem Haus der Berge und Moos: Auf dem Gehsteig kommt man zu einem Zeitstein, der die Gipfel erklärt.
Der Unterschied ist kein Detail. Im Winter wandert die Sonne zwischen neun und zehn Uhr um gut ein Dutzend Grad am Horizont, und schon ein paar hundert Meter im Talboden verändern den Winkel, unter dem man einen Gipfel sieht. Eine Bergsonnenuhr ist, wenn überhaupt, von einer ganz bestimmten Stelle aus genau.
Die Rechnung
Wir haben die Koordinaten der Gipfel aus OpenStreetMap genommen, mit einer zweiten Quelle abgeglichen und für jeden Standort berechnet, in welcher Richtung sie liegen. Dann haben wir für jeden Tag des Jahres den Moment gesucht, in dem die Sonne in dieser Richtung steht, mit dem astronomischen Algorithmus der NOAA, der Wetter- und Meeresbehörde der USA.
Außerdem haben wir am digitalen Geländemodell geprüft, ob man die Gipfel von jedem Standort aus wirklich sieht und sie nicht hinter einem näheren Hang verschwinden. Das ist keine Formsache: Der Punkt, der rein geometrisch am besten funktionieren würde, liegt an der Straße ins Fischleintal, und von dort sieht man die Vormittagsgipfel überhaupt nicht, weil der Hang dreihundert Meter weiter sie verdeckt.
Von der Stelle, die der Tourismusverein empfiehlt, auf halbem Weg zwischen dem Haus der Berge und Moos, sind alle fünf Gipfel zu sehen. Zur Wintersonnenwende zieht die Sonne zu diesen Zeiten über sie, dahinter die Abweichung von der Stunde im Namen:
- Neuner: um 10:15 Uhr, eine Stunde und sieben Minuten zu spät
- Zehner: um 11:03 Uhr, 55 Minuten zu spät
- Elfer: um 11:20 Uhr, 11 Minuten zu spät
- Zwölfer: um 12:11 Uhr, 3 Minuten zu spät
- Einser: um 12:47 Uhr, 21 Minuten zu früh
Warum der Zwölfer nicht danebenliegt
Der Zwölfer ist pünktlich, die Stunden um den Mittag sind es einigermaßen, die Vormittagsstunden nicht. Der Grund ist geometrisch: Von diesem Straßenstück aus liegt der Zwölferkofel fast genau im Süden, und die Sonne steht am wahren Mittag an jedem Tag des Jahres genau im Süden. Deshalb ist der Zwölfer die einzige Stunde der Sonnenuhr, die nicht von der Jahreszeit abhängt.
Die Abweichungen, die wir angeben, beziehen sich auf die Sonnenzeit. Die Uhr ist etwas anderes: Sexten liegt westlich des Meridians, nach dem unsere Zeitzone eingestellt ist, die Zeitgleichung verschiebt den Mittag im Lauf des Jahres um einige Minuten, und im Sommer gilt die Sommerzeit. Über dem Zwölferkofel steht die Sonne zu diesen Uhrzeiten:
- 21. Dezember: 12:11 Uhr
- 1. Februar: 12:26 Uhr
- 20. März: 12:20 Uhr
- 21. Juni: 13:13 Uhr
- 23. September: 13:05 Uhr
- 1. November: 11:56 Uhr
Warum es im Winter besser funktioniert
Die offiziellen Quellen sagen, dass sich die Sonnenuhr im Winter am besten ablesen lässt, und die Rechnung zeigt, warum. Die Stunden in den Namen sind Sonnenstunden, und im Sommer steht die Sonne so hoch, dass sie den Bogen der fünf Gipfel in viel kürzerer Zeit überquert.
Zur Sommersonnenwende zieht die Sonne vom selben Standort aus um 12:24 Uhr über den Neuner: mehr als zwei Stunden hinter der Sonnenzeit. Über den Einser zieht sie um 13:28 Uhr. Zwischen Neuner und Einser liegen gut sechzig Minuten, im Winter sind es hundertfünfzig.
Im Winter gibt es noch einen Grund. Am 21. Dezember steht die Mittagssonne etwa zwanzig Grad hoch, während der Zwölferkofel von der Straße aus rund ein Dutzend Grad über dem Horizont erscheint: Die Sonne zieht knapp über ihn hinweg, und genau dort sieht man den Effekt.
Beim Sonnenuntergang zeigt die Sonnenuhr dagegen gar nichts. Die Sonne steht auf der anderen Seite.
Wo die Sonnenuhr am besten funktioniert
Wir haben im ganzen Talkessel den Punkt gesucht, von dem aus alle fünf Gipfel sichtbar sind und die Stunde mit dem kleinsten Fehler anzeigen. Der beste liegt am Hang über Bad Moos, auf rund 1.500 Metern, und selbst dort beträgt die mittlere Abweichung etwa zwanzig Minuten. Die perfekte Sonnenuhr gibt es nicht.
Moos, das viele Quellen als historischen Standort nennen, gehört dagegen zu den schlechtesten für die Vormittagsstunden: Von dort geht der Neuner eine Stunde und eine Viertelstunde nach. Dafür stimmt von Moos aus der Einser, auf eine Minute. Vom Haus der Berge, am anderen Ende der Straße, stimmt der Elfer.
Diese Zahlen stammen aus einem Geländemodell mit einem Raster von etwa dreißig Metern. Wir haben sie nicht vor Ort mit der Uhr in der Hand überprüft, und wer das tut, tut uns einen Gefallen, wenn er uns schreibt.
Die anderen Sonnenuhren der Dolomiten
Sexten ist nicht der einzige Ort, an dem die Berge nach den Stunden heißen.
- Im Gadertal, in der Fanesgruppe, der Neuner und der Zehner, ladinisch Sas dles Nü und Sas dles Diesc, beide über 2.900 Meter. Nach der deutschen Wikipedia liest man sie von Wengen aus ab.
- In der Sellagruppe, über dem Mittagstal, ein weiterer Neuner und ein weiterer Zehner. Wir haben keine Quelle gefunden, die sagt, von welchem Dorf aus man sie abliest.
- Im Fassatal, über Pozza, die Cima Undici und die Cima Dodici der Monzonigruppe.
Anreise
Das Haus der Berge, das Besucherzentrum des Naturparks Drei Zinnen, liegt an der Hauptstraße von Sexten. Von dort geht man auf dem Gehsteig Richtung Moos bis zum Zeitstein, der die Gipfel erklärt: Es ist die einfachste Art, die Sonnenuhr zu sehen, eben und mitten im Dorf.
Die Gipfel selbst sind nichts für Wanderer. Nach den Südtiroler Bergführern sind die Normalwege auf Neuner, Elfer und Einser im dritten Grad, der auf den Zwölfer im vierten, und auf die Rotwand steigt man über Klettersteige. Die Bergführer der Gegend bieten die Überschreitung aller fünf in mehreren Tagen an.
Wer sie aus der Nähe sehen will, ohne zu klettern, geht ins Fischleintal, das auch mit dem Bus von Sexten aus erreichbar ist. Die Südtiroler Seite der Gipfel liegt im Naturpark Drei Zinnen, der zum UNESCO-Welterbe Dolomiten gehört.
Häufige Fragen
Welche Gipfel gehören zur Sextner Sonnenuhr?
Fünf: der Neuner (Neunerkofel, 2.582 m), der Zehner (Sextner Rotwand, 2.965 m), der Elfer (Elferkofel, 3.092 m), der Zwölfer (Zwölferkofel, 3.094 m) und der Einser (Einserkofel, 2.698 m). Manche Quellen zählen noch einen Achter dazu, den Arzalpenkopf.
Von wo aus beobachtet man die Sextner Sonnenuhr?
Der Tourismusverein Sexten empfiehlt die Hauptstraße zwischen dem Haus der Berge und Moos, wo ein Zeitstein die Gipfel erklärt. Von dort sind alle fünf zu sehen, und nach unserer Rechnung zeigt der Zwölfer den Mittag auf drei Minuten genau. Moos wird am häufigsten genannt, aber von dort liegen die Vormittagsstunden um mehr als eine Stunde daneben.
Ist die Sextner Sonnenuhr genau?
Nur zum Teil. Der Zwölfer zeigt den wahren Mittag das ganze Jahr auf wenige Minuten genau, weil er vom Standort aus fast genau im Süden liegt. Die anderen Stunden sind ungefähr: Zur Wintersonnenwende erreicht die Sonne Neuner und Zehner mit rund einer Stunde Verspätung.
Wann steht die Sonne über dem Zwölferkofel?
Von der Straße zwischen dem Haus der Berge und Moos aus um 12:11 Uhr am 21. Dezember, um 12:26 Uhr am 1. Februar, um 13:13 Uhr am 21. Juni mit Sommerzeit und um 11:56 Uhr am 1. November. Das ist der wahre Mittag in Sexten, der nicht mit zwölf Uhr auf der Uhr übereinstimmt.
Wann sieht man die Sonnenuhr am besten?
Im Winter, zwischen Vormittag und ein Uhr. Im Sommer steht die Sonne so hoch, dass sie die fünf Gipfel in wenig mehr als einer Stunde überquert, und die Vormittagsstunden gehen über zwei Stunden nach. Beim Sonnenuntergang zeigt die Sonnenuhr nichts: Die Sonne steht auf der anderen Seite.
Kann man die Gipfel der Sonnenuhr besteigen?
Ja, aber nicht zu Fuß: Die Normalwege sind Kletterrouten, im dritten Grad auf Neuner, Elfer und Einser und im vierten auf den Zwölfer, während man auf die Rotwand über Klettersteige steigt. Die Bergführer der Gegend bieten die ganze Überschreitung in mehreren Tagen an.
